15. Oktober 2006

Projektbeschreibung

„Zukunft Fotografie“

Persönliche Entwicklung und finanzielle Zukunft für Kinder und Jugendliche aus argentinischen Slums

Die ökonomische Situation in Argentinien

In Argentinien leben 21 Millionen Menschen. In der Stadt Rosario mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern leben ungefähr 400.000 Menschen in Armut, das heißt fünf von zehn Einwohnern von Rosario (etwa 50,9 Prozent) sind arm. Etwa 20% davon können sich pro Tag nur einmal eine Mahlzeit leisten. Zwei von zehn leben sogar noch darunter in absoluter Armut, das bedeutet, dass sie nicht einmal die Grundnahrungsmittel zur Verfügung haben und sich nur jeden dritten Tag eine volle Mahlzeit leisten können. In Einkommen bedeutet das, dass eine typische Familie mit einem Ehepaar um die 30 Jahre und zwei Kindern zwischen sieben und neun 861,18 Pesos (etwa 262 EUR) monatlich braucht, um nicht als arm zu gelten. Um nicht als absolut arm zu gelten, müssen sie zumindest 391,44 Pesos (etwa 108,3 EUR) zur Verfügung haben. Trotz einer gewissen ökonomischen Erholung der argentinischen Wirtschaft sind die Probleme für diese Menschen weiterhin sehr groß.

Beteiligte Institutionen

Zwischen dem Institut für Klinische Psychologie und Gemeindepsychologie der „Freien Universität Berlin“ (FUB) und dem Institut für Klinische Psychologie and der „Universidad National de Rosario/Argentina“ (UNR) mit einem angegliederten Gemeindezentrum (CeAC)[1] gibt es seit etwa 15 Jahren einen Austausch von Professoren und Studierenden, welcher der Unterstützung der Arbeit des CeAC dient. In dieser Zusammenarbeit wurde deutlich, dass vor allem Kinder und Jugendliche aus den Slums zunehmend unter dieser Situation leiden. Daher wurde in Kooperation zwischen der „Internationalen Akademie für kreative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie, gGmbH“ (INA) an der Freien Universität Berlin[2] und dem CeAC das folgende Projekt entwickelt, für das wir um Spenden bitten:

Projekt „Zukunft Fotografie“

Ausgangspunkt ist der Befund, dass die Kinder und Jugendlichen kaum Zukunftsperspektiven haben. Sie haben keine ausreichenden Anregungsbedingungen, um persönliche und soziale Kompetenzen zu entwickeln und berufliche Fertigkeiten zu erwerben. Drogen und Kriminalität scheinen häufig die einzigen Alternativen zu sein. Hier setzt das Projekt "Zukunft Fotografie" an. Kindern und Jugendlichen aus den Slums von

Rosario soll die Möglichkeit geboten werden, fotografieren zu lernen und damit eine Perspektive für die Zukunft zu gewinnen. Kennzeichnend für das Projekt ist, dass Persönlichkeitsentwicklung mit der Schaffung einer finanziellen Zukunftsperspektive verbunden und dass ökonomische Nachhaltigkeit angestrebt wird.

Einige Grundsätze

  • Das Projekt wird von einem Team aus Rosario durchgeführt. Dies ist aus sprachlichen Gründen und wegen der Dauer der Projektzeit notwendig. Es soll Kontinuität gewährleistet werden.
  • Alle Beteiligten werden sowohl an dem Praxis- als auch an dem Forschungsteil partizipieren.
  • Es wird ökonomische Nachhaltigkeit angestrebt, d.h. das Projekt soll sich nach der Anschubfinanzierung selbst finanzieren

Hauptziele des Projekts:

1. Erwerb von fotografischen Fähigkeiten

2. Persönlichkeitsentwicklung durch Reflexion anhand von „Alltagsfotos“

3. Eröffnung von Verdienstmöglichkeiten durch kommerzie

lle Fotografie

4. Förderung der sozialen Integration

zu 1.

In einem ersten Schritt lernen die Beteiligten den Umgang mit einer Digitalkamera und die Gestaltung der Bilder auf dem Computer. Dies stellt die Vorraussetzung für die weiteren Schritte dar.

zu 2.

Im nächsten Schritt werden sie dazu angeregt, Aufnahmen in ihrer Lebenswelt zu machen, d.h. von ihren Eltern (so vorhanden), ihren Wohnverhältnissen, ihren Freunden, dem Kietz, in dem sie leben usw. Diese Aufnahmen dienen einerseits dazu, Prinzipien der Bildgestaltung zu vermitteln. Andererseits dienen sie der gemeinsamen Reflexion der Gruppe über ihre Lebenssituation, die Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden und Nachbarn, über Konflikte, über behindernde und fördernde Bedingungen

ihres Lebens usw. Hierdurch wird die Möglichkeit geboten, über die eigene Position in der Lebenswelt nachzudenken, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und damit vielleicht auch neue und kreative Möglichkeiten im Umgang damit zu finden.

zu 3.

Ein anderer Typus von Aufnahmen soll kommerziellen Zwecken dienen. Die Fotos sollen beispielsweise zur Produktion von Postkarten, T-Shirts, Kalend

ern und laminierten Gebrauchsgegenständen und als fotografisches Angebot an Touristen, bei Feiern und Ereignissen wie Hochzeiten usw. verwendet werden. Hierdurch erhalten die Beteiligten eine finanzielle Alternative zum Betteln oder Stehlen.

zu 4.

Die soziale Integration wird auf unterschiedliche Weise gefördert. Durch die Reflexion der „Alltagsfotos“ wird die Beziehung zu den Mitgliedern der nahen und weiteren Lebenswelt bewusst und damit auch einer Neugestaltung zugänglich

gemacht. Der Umgang miteinander in der Gruppe und mit dem Team fördert ebenfalls die sozialen Kompetenzen und kann vom Team unterstützt werden.

Die kommerzielle Fotografie verlangt eine Perspektivenübernahme, d.h. ein Eindenken in die Sichtweisen und Wünsche der Kunden und einen angemessenen Umgang mit den Kunden. Hierdurch werden soziale Umgangsformen angeeignet, die für die Aufnahme einer späteren Berufstätigkeit von entscheidender Bedeutung sind.

Projektablauf

Das Projekt ist auf drei Ebenen konzipiert. Wichtigste Ebene ist die Praxisebene, auf der mit den Jugendlichen fotografisch gearbeitet wird. Die zweite Ebene wird durch eine partizipatorische Evaluation gebildet, durch die das Praxisprojekt kontinuierlich begleitet wird und die wissenschaftliche Ergebnisse über Ablauf und Erfolg des Projekts erbringen soll. Die dritte Ebene bildet die fotografische Dokumentation des ganze

n Ablaufs, die es ermöglichen soll, durch Ausstellungen in Argentinien und Deutschland eine breitere Öffentlichkeit über das Projekt zu informieren.

Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über den Projektablauf:

Im Folgenden sollen nur einige zentrale Punkte kurz beschrieben werden.

In den Planungsworkshops wird mit den Mitgliedern des Universitätsteams und den Mitgliedern eines Gemeindezentrums (CeAC), die selbst aus dem Einzugsgebiet stammen und schon viele Jahre Erfahrungen in der Selbst- und Fremdhilfe haben, das konkrete Vorgehen entwickelt.

Die Workshops enthalten folgende Teile

  1. Training in unterschiedlichen Aspekten der Fotografie (Aufnahmetechnik, Bildgestaltung am Computer, Reproduktionstechniken usw.) durch die Fotografin, Frau Bergold.
  2. Entwicklung von kind- und jugendgerechten Techniken, um die Reflexion anhand von Bildern anzuregen. Hier soll vor allem auf die langjährigen Erfahrungen in der Entwicklung von Reflexionsspielen im Rahmen von Projektberatungen und systemischen Gruppentherapien von Prof. Fuks zurückgegriffen werden.
  3. Training in partizipativen Evaluationsstrategien und Entwicklung eines Evaluationsplanes, der möglichst alle Projektteilnehmer einbezieht. Hier liegen Erfahrungen von Prof. Bergold im Rahmen von Evaluationsprojekten vor.
  4. Gemeinsame Entwicklung des Projekts (Rekrutierungsstrategien, Zeitablauf, technische Möglichkeiten in Rosario zur Herstellung von bedruckten T-Shirts, Postkarten, laminierten Produkte, Verkaufsmöglichkeiten usw.). Dieser Teil wird auch im Verlauf des Projektes fortgesetzt werden.

Der Projektzusammenhang in Rosario

Das Projekt ist Teil eines größeren Projektzusammenhangs, der durch Mitarbeiter der Universität in der Stadt Rosario initiiert wurde. Bereits seit mehr als 17 Jahren sind Mitarbeiter der Universität in Rosario in einem Stadtteil tätig, in dem auch ein Teil der Universitätsgebäude liegen. Dieser Stadtteil ist durch die Schließung des Hafens verelendet. Außerdem grenzt er an ein Slumviertel, in dem Menschen aus dem Norden Argentiniens leben, die ihre Arbeit als Landarbeiter oder Arbeiter in Minen verloren haben. Sie leben in Hütten, die sie selbst aus Blech, Karton, Bauschutt usw. errichtet haben, manchmal gibt es Strom, meistens kein Wasser und keine sanitären Einrichtung.

Das CeAC "Centro de Asistencia a la Comunidad"

(siehe http://ceac-unr.blogspot.com)

Für diese beiden Gebiete haben die Mitarbeiter der Universität und Anwohner des Stadtteil gemeinsam ein Stadtteilzentrum aufgebaut. Das "CeAC" wird von einer Mitgliederversammlung verwaltet, an der Bürger aus dem Stadtteil und Universitätsmitglieder gleichberechtigt teilnehmen.

Das Zentrum gliedert sich in folgende Abteilungen:

  • Gesundheits - und Sozialzentrum: Hier werden unterschiedliche medizinische Hilfen angeboten, z. B. allgemein- und kinderärztliche Versorgung, Ernährungsberatung, Schwangerschaftsvorsorge und unterschiedliche Beratungsangebote wie Krisenintervention, psychotherapeutische Beratung, sozialarbeiterische Beratung, juristische Beratung.
  • Gemeindezentrum: Dort sind Projekte angesiedelt, die der Verbesserung der Lebensqualität im Stadtteil dienen sollen, z. B. Diskussionsgruppen, verschiedenartige Werk - und Arbeitsgruppen, Sportgruppen, Lerngruppen usw..
  • Ausbildungszentrum der Universität: In diesem Rahmen werden Studierende unterschiedlicher Fächer in der Praxis ausgebildet.

Personal:

Das Projekt wird kooperativ zwischen dem PIPF und dem CeAC durchgeführt.

Die Leitung erfolgt durch:

Mitarbeiter in Rosario:

Carina Lo Ré Corta <lo.re.corta@gmail.com> (Projektverantwortliche)

Melina Baracco <melinabaracco@gmail.com> (Verantwortliche für Forschung)

Fabian Fraquelli <fabian1082@yahoo.com.ar> (Verantwortlicher für Fotografie)


Beratung und Unterstützung:

Prof. em. Dr. Jarg Bergold, (Klinische Psychologie und Gemeindepsychologie, Berlin)

Ulrike Bergold, Fotografin (Abschluss an der Staatl. Lehranstalt für Fotografie in München, Berlin)

Prof. Dr. Saul Fuks, (Klinische Psychologie, Rosario)



[1] Eine kurze Beschreibung erfolgt am Ende der Darstellung

[2] Durchführung erfolgt durch das „Institut für psychosoziale Innovationen durch Praxis und Forschung“ (PIPF) in der INA